Nachhaltige Ernährung

Evangelische Akademie Tutzing und Heidelberger Ernährungsforum

Das Konzept der Nachhaltigkeit erlangte 1987 durch den Brundtland-Report der Vereinten Nationen internationale Beachtung. Seitdem wird das Thema Nachhaltigkeit von vielen Seiten beleuchtet. Ernährung ist ein wichtiger Bereich. Leitbilder für eine nachhaltige Ernährung wurden formuliert, sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene. Kritiker monieren allerdings, dass die vorhandenen Konzepte einer nachhaltigen Ernährung teilweise fragwürdig seien. Vor diesem Hintergrund hat die Evangelische Akademie Tutzing zusammen mit der Dr. Rainer Wild-Stiftung zur Tagung “Nachhaltige Ernährung“ eingeladen. Vom 21. bis 23. Oktober 2002 tagten fast 100 Interessierte in Tutzing, um das Thema ganzheitlich und praxisnah zu diskutieren. Im Vordergrund stand die Alltagstauglichkeit des Nachhaltigkeitskonzeptes für den Verbraucher. Leitfrage war, ob die vorhandenen Konzepte von nachhaltiger Ernährung auch zukunftsgerecht sind.

Mehr zur Tagung

Karl von Koerber vom Münchner Beratungsbüro für Ernährungsökologie, Pirjo Schack von der Universität Münster sowie Gesa Schönberger von der Heidelberger Dr. Rainer Wild-Stiftung eröffneten die Vortragsreihe mit der Auswertung eines anfangs erhobenen Fragebogens. "Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass generell eine hohe Bereitschaft besteht, sich nachhaltig zu ernähren, jedoch nicht um jeden Preis", so Gesa Schönberger. Auf Fleisch und Wurst ganz zu verzichten, ist für mehr als die Hälfte der Befragten kein Kriterium einer nachhaltigen Ernährung. Für 70 Prozent der befragten Teilnehmer ist Fleisch ein Teil der Esskultur. Zwar halten 87 Prozent der Befragten den völligen Verzicht auf Fleisch für nicht erforderlich. Dennoch gehört es für fast jeden Dritten zu einer nachhaltigen Ernährung, den Verzehr von Fleisch und Wurst einzuschränken. 92 Prozent würden insbesondere deshalb weniger Fleisch und Wurst essen, um eine artgerechte Tierhaltung zu unterstützen. Auch gesundheitliche Aspekte sind für die Befragten ein wichtiger Grund, den Fleischverbrauch zu reduzieren. Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit werden ebenfalls angeführt, während der Preis und das Töten von Tieren fast keine Rolle spielen.

Befragt nach den Faktoren einer nachhaltigen Ernährung, gaben die Teilnehmer an erster Stelle an, regionale und saisonale Produkte zu bevorzugen, gefolgt von Lebensmitteln aus ökologischem Anbau. Diese Ergebnisse stimmen mit den Empfehlungen überein, die verschiedene ökologisch orientierte Interessengruppen vertreten. Wissenschaftler kritisieren jedoch immer wieder, dass diese Empfehlungen zu pauschal seien und in vielen Fällen nicht zu einer nachhaltigen Ernährung beitrügen. So machte Dr. Karl-Michael Brunner von der Wirtschaftsuniversität Wien in seinem Vortrag deutlich, dass auch soziale und kulturelle Zusammenhänge der Ernährung stärker berücksichtigt werden müssten. "Ohne genaue Kenntnis der Bedingungen und Folgen von Ernährungspraktiken werden Veränderungsstrategien in Richtung Nachhaltigkeit zum Scheitern verurteilt sein", so Brunner. "Nachhaltige Ernährung lässt sich nicht auf ökologische Lebensmittel reduzieren", betonte auch Prof. Dr. Norbert Lütke-Entrup von der Fakultät für Agrarwirtschaft der Fachhochschule Südwestfalen. Er fordert eine ökologische Erfolgskontrolle für landwirtschaftliche Betriebe. Dr. Alexander Beck vom Büro für Lebensmittelkunde und Qualität in Oberleichtersbach beschäftigte sich in seinem Vortrages damit, inwieweit der der Erzeugung nachgelagerte Handel und verarbeitende Betriebe einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Es gebe, so Beck, in diesem Bereich zwar bereits wichtige Ansatzpunkte. Letztendlich sei aber eine entscheidende Variable der Bewusstseinswandel beim Einzelnen, sich für ein bestimmtes Produkt zu entscheiden.

Anschließend konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in fünf Arbeitsgruppen ein Thema ihrer Wahl vertiefen. Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe "Einkaufsstätten für Bioprodukte" konnten unter der Leitung von Dr. Dr. Martina Schäfer von der Technischen Universität Berlin ihre eigenen Einkaufs- und Ernährungsgewohnheiten reflektieren. Prof. Dr. Angelika Meier-Ploeger von der Universität Kassel diskutierte mit ihrer Teilnehmergruppe Chancen und Grenzen des Konzeptes der Ernährungsökologie. Thema des Workshops von Dr. Kirsten Schlegel-Matthies von der Universität Münster und Pirjo Schack von der Universität Dortmund waren neue Herausforderungen für die Pädagogik. Jutta Jaksche vom Bundesverband der Verbraucherzentrale erörterte Anforderungen an industriell gefertigte Produkte aus Verbrauchersicht. Claudia Empacher vom Frankfurter Institut für sozialökologische Forschung verdeutlichte, was eine umfassende und integrierte Betrachtung von Ernährung im Alltag bedeutet.

Im Abschlussvortrag betonte Dr. Ulrike Eberle vom Öko-Institut Freiburg, dass die momentane Ernährungssituation nicht als nachhaltig angesehen werden könne. Sie unterstrich damit den auch von Empacher beobachteten Trend, dass die aktuelle Entwicklung in Deutschland eher eine gegenläufige Tendenz aufzeige. Im Plenum waren sich die Teilnehmer der Tagung einig, dass nachhaltige Ernährung in der Öffentlichkeit nicht als neues Konzept propagiert, sondern in vorhandene Empfehlungen eingebracht werden sollte.

Gesa Schönberger von der Dr. Rainer Wild-Stiftung betonte abschließend, wie wichtig es sei, das Thema differenziert anzugehen, um mittelfristig messbare Erfolge in ökologischer, sozialer und ökonomischer Sicht zu erzielen. Die Befragung mache deutlich, dass für die überwiegende Mehrheit der Genuss beim Essen einen sehr hohen Stellenwert besitze. Nur für die Hälfte der Befragten sei Genuss aber auch ein Indikator nachhaltiger Ernährung. Anstatt Verzicht zu predigen, sei es sinnvoller, auf Genuss zu setzen und verantwortungsvoller mit unserer Esskultur umzugehen. „Sicher ist die Befragung nicht repräsentativ. Wir wollten damit verdeutlichen, dass nachhaltige Ernährung nicht einseitig betrachtet werden kann. Als Stiftung für gesunde Ernährung, die Ernährung aus ganzheitlicher Sicht betrachtet, ist für uns immer auch wichtig, warum der Mensch so isst wie er isst und welche Erklärungen dafür zu finden sind." Mit der Tagung sei es gelungen, ein Bewusstsein für zukünftige Herausforderungen und Chancen einer Ernährung im nachhaltigen Sinne zu wecken.

WEITERFÜHRENDE LITERATUR

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Die eigenen Erfahrungen mit dem Essen in Kindheit, Jugend und auch im Erwachsenenalter haben einen stärkeren Einfluss auf das Essverhalten als vielleicht auf den ersten Blick zu erwarten wäre. So lassen sich besondere Vorlieben und Abneigungen meist biografisch begründen. Im Rahmen des Weiterbildungsprogramms des Berufsverbandes Oecotrophologie veranstaltet die Dr. Rainer Wild-Stiftung seit 2010 regelmäßig Seminare zum Thema Essbiografie.

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Am 23. April 2015 ist die gemeinsame Veranstaltungsreihe des Deutsch-Amerikanischen Instituts Heidelberg und der Dr. Rainer Wild-Stiftung erfolgreich zu Ende gegangen. Redner und Gäste aus unterschiedlichen Bereichen widmeten sich in verschiedenen Formaten vom Vortrag bis zum Poetry Slam spannenden Fragen rund um das Thema „Essen ist Macht“ – teils wissenschaftlich und theoretisch, teils sehr persönlich und praxisnah.

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Immer mehr Menschen wissen immer weniger über Nahrungsmittel und können nicht mehr richtig kochen. Die Folgen sind bekannt und werden auch in anderen Zusammenhängen diskutiert. Untersuchungen zeigen, dass vor allem sozial benachteiligte und bildungsferne Personen schlecht erreicht werden. Um das zu ändern, entwickelten Wissenschaftler aus neun europäischen Ländern "Food Literacy". Die Dr. Rainer Wild-Stiftung veranstaltete 2008 gemeinsam mit dem aid infodienst einen Workshop zur Entwicklung eines „Train-the-Trainer-Konzeptes“ und zur Weiterentwicklung der Materialien. 2011 folgte eine Konferenz zu den Perspektiven der Erwachsenenbildung.

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