Ernährungs-Blog

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Orthorexia nervosa – Wann wird gesunde Ernährung zum Zwang?

Life Science Dialogue

Das Phänomen der extrem gesunden Lebensführung ist eigentlich altbekannt und wurde bereits in historischen Dokumenten aus dem Mittelalter erwähnt. Doch durch Steven Bratman bekam es Mitte der 90er Jahre mit dem Begriff „Orthorexia nervosa“ einen Namen und dadurch auch Aufmerksamkeit in der Wissenschaftscommunity. Dr. Jana Strahler beschäftigte sich in ihrer Forschung mit dem Thema Stress, seinen Konsequenzen und Vermeidungs- bzw. Bewältigungsstrategien. Neben Bewegung, Musik und sozialen Aspekten spielt auch die Ernährung eine große Rolle in der Stressbewältigung. Mit der Erforschung dieser Themenfelder kam dann die Frage auf, ob es auch ein „zu viel des Guten“ gibt.

Stress gilt laut WHO als die größte Gesundheitsgefahr des 21. Durch Anpassung der persönlichen Lebensstilfaktoren kann jedoch selbst Einfluss auf die Entstehung sowie Bewältigung von Stress genommen werden.

In der Forschung zur Orthorexie gilt es die Fragen zu klären, ob tatsächlich ein Krankheitswert vorhanden ist und wenn ja, ob sie sich so stark von anderen Störungen, wie bspw. den Essstörungen oder Zwangsstörungen, unterscheidet. Dies würde bedeuten, dass eigene Diagnosekriterien und Therapiekonzepte benötigt werden. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob Orthorexie in die Liste der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD) mit aufgenommen werden soll.

Im Jahr 2018 haben sich erstmals wichtige Forscher aus dem Bereich der Orthorexie zusammengeschlossen, mögliche Diagnosekriterien diskutiert und in einem Übersichtsartikel zusammengefasst. Orthorexie ist geprägt von einer obsessiven, zwanghaften Beschäftigung mit gesunder Ernährung. Des Weiteren zieht Orthorexie emotionale Konsequenzen wie beispielsweise soziale Isolation nach sich, sowie Funktionseinschränkungen, ausgelöst durch Mangelernährung oder Gewichtsabnahme. Es gibt derzeit zwar einige Fragebögen, mit denen orthorektisches Ernährungsverhalten abgefragt wird, ein valides und allgemein gültiges Instrument zur Erfassung existiert jedoch bis dato noch nicht. Der ORTO-15, einer der ersten Fragebögen zur Erfassung der Orthorexie, wurde 2004 von einer italienischen Arbeitsgruppe entwickelt. Die Anwendung dieses Fragebogens führte jedoch zu einem definitionsgemäßen hohen Aufkommen von Orthorexie in vielen Personengruppen. Die Interpretation dieser Ergebnisse lassen darauf schließen, dass der Fragebogen neben orthorektischem Verhalten vor allem das Interesse an gesunder Ernährung erfasst. Der Fragebogen, der aktuell am verlässlichsten scheint, ist die Düsseldorfer Orthorexie-Skala. Darüber hinaus gibt es die Teruel Orthorexia Scale, welche die zwei Dimensionen des Interesses an gesunder Ernährung und die pathologische Beschäftigung mit gesundem Essen berücksichtigt. Was bisher in keinem der Fragebögen beachtet wird, sind kulturelle Aspekte. Diese sollten in Zukunft ebenfalls mit in die Erfassung aufgenommen werden, da sie einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis nehmen können.

Die Frage der klinischen Relevanz der Orthorexie kann wissenschaftlich aktuell nicht beantwortet werden. Es wird angenommen, dass es zu einer Mangel- und Fehlernährung durch orthorektisches Ernährungsverhalten kommen kann ebenso wie zu sozialer Isolation. Diese Annahmen stammen jedoch lediglich aus einzelnen Fallberichten und aus Studien, die mittels Selbstbericht diese Folgen versuchen zu erfassen. In diesen konnten Funktionseinschränkungen in Bezug auf eine geringere Lebenszufriedenheit und ein geringeres psychisches Wohlbefinden nachgewiesen werden. Dabei handelt es sich jedoch eher um bspw. Labordiagnostik oder klinisch-psychiatrische Interviews als um valide Daten aus randomisierten, kontrollierten Studien.  

Es scheint Zusammenhänge zwischen Orthorexia nervosa und weiteren Essstörungen zu geben. Bei einer Untersuchung von Anorexiepatientinnen, die vor und nach der Therapie auf orthorektisches Verhalten untersucht wurden, wiesen vor der Therapie 30 % ein solches Verhalten auf. Dies Zahl stieg auf 50% nach der Therapie. Das anorektische Verhalten wurde scheinbar durch orthorektisches Ernährungsverhalten ersetzt. Dieser Befund lässt auf einige Gemeinsamkeiten zwischen der Orthorexie und den bereits klassifizierbaren Essstörungen schließen. Es zeigen sich jedoch auch deutliche Unterschiede zu z.B. anorektischen Patienten. Bei der Anorexia nervosa geht es um die Quantität des Essens, eigens aufgestellte Regeln bleiben eher im Verborgenen. Im Gegensatz dazu wird von orthorektischen Patienten Wert auf die Qualität der Ernährung gelegt, eigene Ernährungsregeln werden offen und sogar missionarisch kommuniziert. Auch zur Entstehung der Orthorexie können in der Wissenschaft noch keine klaren Aussagen getroffen werden. Vermutet wird unter anderem eine Regulierung der Stimmung durch orthorektisches Verhalten. Die psychologische Funktion einer solchen Verhaltensweise könnte ein erhöhtes Selbstwertgefühl sein.

Therapeutische Ansätze für orthorektische Patienten werden bisher an den vorliegenden Symptomen angelehnt. „Verbotene“ Lebensmittel werden nach und nach wieder in den Speiseplan integriert und Verhaltensweisen werden gelockert (Habit Reversal Training). Auch das Verfahren der kognitiven Umstrukturierung erscheint bei Betroffenen sinnvoll. Bei diesem Verfahren geht es um die Veränderung der gedanklichen Lebenskonzepte, dysfunktionale Gedanken werden aufgedeckt (z.B. „Ich muss perfekt sein.“) und angemessenere Gedanken werden entwickelt.

Der Vortrag von Dr. Jana Strahler hat verdeutlicht, dass der Begriff Orthorexie sowohl in Fachkreisen als auch in der breiten Bevölkerung bereits weit verbreitet verwendet wird. Dennoch besteht weiterhin viel Forschungsbedarf, um wissenschaftlich fundiert festzustellen zu können, ob die Orthorexie einen reellen Krankheitswert hat oder es sich um ein aktuelles Lebensstilphänomen handelt. Sollte dieser reelle Krankheitswert vorliegen, gilt es weiterhin zu klären, ob die Orthorexie den Essstörungen zuzuordnen ist oder sie als alleinstehende Erkrankung gilt.

Quelle: Vortrag von Dr. Jana Strahler beim Life Science Dialogue am 23.05.2019 in Heidelberg.

Bild: Christoph Bastert Fotografie

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