Ernährungs-Blog

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Mangelernährung – Mehr Aufmerksamkeit für das Zuwenig

Laut Herrn Professor Sina spiele Mangelernährung, entgegen der allgemein verbreiteten Meinung, dass sie ein auf Entwicklungsländer begrenztes Problem sei, auch in den westlichen Nationen eine durchaus wichtige Rolle. Das liegt auch daran, dass die Bandbreite potenziell gefährdeter Risikogruppen breit gefächert ist. Besonders Menschen mit Tumorerkrankungen oder chronischen Erkrankungen sowie mit zunehmendem Alter haben ein hohes Risiko, eine Mangelernährung zu entwickeln. Genauso wie auch Personen mit Übergewicht, die einem einseitigen Ernährungskonzept folgen, aber auch Veganer, mit unausgewogenem Speiseplan. Symptomatisch steht die Veränderung der Körperzusammensetzung im Vordergrund, bei der das Muskelgewebe zulasten von Fettgewebe abgebaut wird. Doch auch ein Nährstoffmangel aufgrund einseitiger Nährstoffzufuhr passe in diesen Kontext. Die negativen Folgen wirken sich auf die Gesamtbelastung des Gesundheitssystems aus, aber auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben, so Professor Sina.

Die Ursachen für eine Mangelernährung sind vielfältig. In Klinik und Pflege gründen die meisten Fälle in konsumierenden Erkrankungen oder Tumoren, aber auch im Zusammenhang mit zahlreichen chronischen Erkrankungen, wie Rheuma, chronische Pankreatitis, chronische Lungenentzündungen oder neurologischen Erkrankungen tritt Mangelernährung auf. Auch Auslöser ohne Krankheitswert, wie ein schlechter Zahnstatus oder eine schlecht sitzende Prothese können zu einer Mangelernährung führen. Diese oft vermeidbaren Ursachen begünstigen Appetitlosigkeit, versursacht durch krankheitsbedingte Botenstoffe oder das Unvermögen, ausreichend große und ausgewogene Mahlzeiten zu essen, woraus letztlich eine unzureichende Nährstoffzufuhr resultiert. Damit setzt sich ein Teufelskreis in Gang, an dessen Beginn der Abbau von Muskelgewebe zulasten von Fettgewebe steht und der wiederum zahlreiche negative Auswirkungen auf den allgemeinen Gesundheitszustand, Wohlbefinden und Lebensqualität der Personen nach sich zieht. Im Falle (chronisch) erkrankter Personen verschlechtern sich im Zuge dessen Heilungschancen bzw. Prognose, was zu erhöhter Mortalität und Morbidität dieser Menschen führen kann.

Nicht minder gravierend sind die ökonomischen Auswirkungen in der Folgenmatrix. Die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus verlängert sich bei Personen, die von Mangelernährung betroffen sind, um im Schnitt sieben Tage im Vergleich zu ausreichend ernährten Patienten. Greift man hingegen rechtzeitig mit einer Ernährungsintervention ein, lässt sich die Verweildauer um durchschnittlich zweieinhalb Tage senken. Somit ließe sich allein durch eine einfache Maßnahme, für die Standards und Leitlinien vorliegen, schon die ökonomische Bilanz von Krankenhausaufenthalten verbessern. Die nicht zuletzt das Gesundheitsrisiko bei Patienten wesentlich senken kann, die ganz abgesehen von den Krankheitsrisiken, durch eine kürzere Verweildauer auch geringeren Sekundärrisiken ausgesetzt sind, wie beispielsweise durch Keimbelastung.

Das standardisierte Vorgehen in Diagnose, Prävention und Therapie der Mangelernährung besteht aus Screening und Assessment, bzw. Diagnosestellung, Therapie sowie Überprüfung. Zur Diagnostik von Mangelernährung gibt es standardisierte Erfassungsbögen zur Identifizierung des assoziierten Gewichtsverlustes oder Veränderungen der Appetenz oder der Verzehrsmuster. Andererseits stützt sich die Diagnose der Mangelernährung auf anthropometrische Messwerte, wie zum Beispiel Körperfaltendickemessungen, die Rückschlüsse auf die Körperzusammensetzung zulassen, wobei vor allem die Muskelmasse für das Gesundheitsrisiko entscheidend ist. Alle Stufen, sowohl in Prävention als auch in Therapie, erfordern unbedingt ein multiprofessionelles, am Individuum orientiertes Vorgehen, das bei Vorhandensein zudem von der Grunderkrankung abhängig ist.

Praktische Maßnahmen im Rahmen von Ernährungsinterventionen können von Ernährungsteams geleistet und durchgeführt werden. In Ländern wie beispielsweise den USA oder Großbritannien wird Mangelernährung heute mithilfe interprofessioneller Zusammenarbeit konsequent verfolgt und behandelt. Dabei stehen auch pharmakologische Therapieoptionen zur Verfügung, die ebenfalls einen Beitrag zur Therapie der Mangelernährung leisten können. Hingegen besteht diesbezüglich in Deutschland dringend Nachholbedarf. Trotz mehr als ausreichender Datenlage zu Verbreitung, Ursachen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen, sind nur in etwa zehn Prozent der Kliniken leitliniengestützt agierende Ernährungsteams etabliert. Auch in der Ausbildung angehender Ärzten sei das Fach Ernährungsmedizin unterrepräsentiert. Auf diese Problematik und Datenlage hinweisend wurde vor rund zwei Jahren von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V., dem Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner e.V. und des Berufsverbandes Oecotrophologie e.V. gemeinsam die „Kasseler Erklärung“ verfasst. In diesem Papier fordern die Verbände mitunter die feste Etablierung von Ernährungsmedizin, Ernährungsberatung und –betreuung in Ausbildung, in Klinik und Praxis sowie auch die Einhaltung verpflichtender Qualitätsstandards und transparente Strukturen. Auch seitens der Patienten und Ihrer Angehörigen sollte Ernährungsdiagnostik und –therapie als Teil einer ganzheitlichen Medizin eingefordert werden. Aus Sicht der Wissenschaft bleibt bei allen Erkenntnissen Mangelernährung immer noch ein spannender Gegenstand der Forschung, weil immer noch viele Fragen offen sind. Beispielsweise zeigen einige Beobachtungs- oder Interventionsstudien den positiven Einfluss von Ernährungsinterventionen auf den Krankheitsverlauf, wohingegen andere Studien diesen Zusammenhang nicht feststellen konnten.

Für Professor Sina und die Dr. Rainer Wild-Stiftung allesamt Gründe genug, Mangelernährung weiter fokussiert zu beforschen und darüber hinaus die Vernetzung von Akteuren aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu stärken.

Quelle: Vortrag von Prof. Dr. med. Christian Sina beim 18. Life Science Dialogue de Dr. Rainer Wild-Stiftung am 26.09.2019 in Heidelberg

Bildquelle: Dr. Rainer Wild-Stiftung

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